Computerjockey
Stories aus der Computerwelt und drumherum...
 

Lucas erster Fall

by Inke Schierbecker

Luca blickte von ihrem Skizzenblock auf. Eigentlich war ihr Name Louise-Catherina, aber niemand nannte sie bei diesem Namen. Er war allen zu lang und zu umständlich. So war schnell jeder, auch ihre Eltern, dazu übergegangen, sie einfach nur Luca zu nennen. Der Name gefiel ihr aber auch viel besser.
Sie schaute sich um. Aber es war nichts Interessantes zu sehen. Geistesabwesend kaute sie an ihrem Stift herum. Sie verzog vor Ekel das Gesicht und guckte auf ihren Stift hinunter. Sie hatte, ohne darüber nachzudenken, an ihrem Kohlestift herumgelutscht.
"Bäh! Der schmeckt ja scheusslich!" Sie verzog noch einmal das Gesicht und legte den Kohlestift zurück zu den anderen in die Schachtel. Der Blick in die Schachtel erinnerte sie daran, dass sie beizeiten mal wieder ein paar neue Stifte kaufen sollte. Die meissten Stücke der Pastellkreide, die ebenfalls in der Schachtel lagen, waren fast komplett aufgebraucht. Nur die Farben, die sie so gut wie nie gebrauchte, waren noch fast neu und unbenutzt. Aber wer brauchte auch schon solche Farben wie 'giftgrün' oder 'leuchtend-pink' oder vielleicht 'malvenfarbend'. Da blieb sie lieber bei blau und gelb und rot und grün, und natürlich vor allem schwarz.
Die Stummel der verschiedenen Kohlestifte übertrafen jedoch alle anderen Stifte in der Schachtel. Faktisch waren sie eigentlich schon gar nicht mehr existent. Es waren nur noch kleine Restchen übrig. Nur der 'aktuelle' Stift hatte immer noch ein bisschen mehr Form. Aber sie brachte es nie über sich, die alten abgenutzten wegzuwerfen. Man konnte ja nicht wissen, wozu sie noch gut sein würden?!
Sie riss sich von diesen Gedanken wieder los und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung. Sie blickte sich aufmerksam um.
Eigentlich konnte man annehmen, sie sässe hier in einer von vielen deutschen Fussgängerzonen. Aber wer von diesem Standpunkt ausgeht, würde sich mit den Bürgern Hamburgs wohl sehr anlegen. Denn welche Stadt hat schon einen Ableger einer bekannten Fast-Food-Kette in einem historischen Gebäude sitzen?! Oder wo kann man denn auch von der Fussgängerzone direkt in eines der vielen hochklassigen Hotels eintreten und sich dort den Flair der Schönen und Reichen um die Nase wehen lassen?!?
Und an vielen Tagen war hier auch sehr viel los, denn die Hamburger sind bekannt dafür, dass sie sofort draussen auf den Strassen und Alleen zu finden sind, wenn sich auch nur der Hauch eines Sonnenscheines zeigt. An solchen Tagen hatte Luca dann aber auch meistens keine Zeit, sich die Menschen um sich herum anzugucken.
Heute dagegen hatte sie sogar mehr Zeit, als was ihr lieb war. Es herrschte das richtig sprichwörtliche Schietwetter. Die wenigen Passanten, die von Geschäft zu Geschäft eilten, hielten die Köpfe gesenkt und blickten immer nur mal wieder mürrisch unter ihren Regenschirmen hervor, unter denen sie sich versteckt hatten. Mehr als nur einmal kamen diese grossen bunten Schutzdächer mit einander ins Gehege, was dazu führte, dass, des öfteren kleinere Schimpfereien und Entschuldigungen durch den Vorhang aus Regen zu Luca herüber drangen. Die Frauen, die mit ihren Kindern unterwegs waren, weil die kleinen Plagegeister mal wieder neue Schuhe oder Jacken brauchten, zerrten ihren Kinder hinter sich her. Weder nach links noch nach rechts blickend. Wobei die Kinder oft verzweifelt versuchten, näher an Lucas Stand heran zu kommen, um sich die von ihr ausgestellten Bilder anzugucken. Die Mütter schimpften mit ihren Kindern und zerrten nur noch mehr, so dass sich unter den Regen auch noch die Tränen aus den Kinderaugen mischten. Aber ihr Weinen stiess heute auf keine interessierten Ohren.
Heute war wirklich ein sehr schlechter Tag, um Geschäfte zu machen.
Sie überlegte, ihren Stand für heute wieder abzubauen. Sie könnte dafür lieber an einem ihrer Gemälde weiterarbeiten, mit denen sie irgendwann mal ihre eigene Ausstellung haben wollte. Auf jeden Fall wäre sie dann im Trockenen.
Sie wollte gerade anfangen, ihre Sachen zusammen zusuchen und loszugehen um ihre neuen Stifte zu kaufen, als sie eine kleine Gruppe japanischer Touristen die Strasse herunter kommen sah. Touristen, insbesondere die, die von weit her nach Hamburg gereist kamen, gehörten zu ihren besten Kunden. Sie sind meistens so darauf versessen ihren lieben daheim geblieben Verwandten und Freunden etwas möglichst aussergewöhnliches aus dem Urlaub mitzubringen, das sich an manchen Tagen regelrechte Schlangen bei ihr bildeten. Deshalb entschloss sie sich, noch einen kleinen Moment länger sitzen zu bleiben. Vielleicht würde ja einer aus der Gruppe Interesse an einem ihrer Bilder zeigen oder sich vielleicht auch gerne selbst porträtieren lassen möchte.
Während Luca sich die Gruppe näher anguckte, fiel ihr ein junger Mann auf, der irgendwie nicht dazu passte. Schon allein weil er kein Japaner war.
Er trug blaue Jeans, ein weisses Hemd, braune Wanderstiefel und eine blaue Jeansjacke, die an ein paar Stellen etwas abgeschabt aussah. Eigentlich sah er also sehr normal aus. Bis auf den Umstand dass seine ehemals kurzen blonden Haare in allen Regenbogenfarben leuchteten und darüber hinaus auch noch in alle Himmelsrichtungen hin abstanden. Der junge Mann schlich die ganze Zeit hinter der Gruppe her. Er passte sich jeder Bewegung an und folgte ihnen wo immer sie auch hingingen. So ging es eine ganze Zeit, in der Luca ihrerseits jeder seiner Bewegungen folgte.
Die ganze Sache kam ihr etwas seltsam vor, deshalb nahm sie irgendwann ihren Zeichenblock und ihren Kohlestift wieder auf, blätterte eine Seite um und begann erst die Situation mit ein paar kurzen Strichen aufs Papier zu bannen und danach kam der junge Mann dran. Sie zeichnete auch ihn mit ein paar schnellen Strichen, um dann später die beiden Skizzen ausführlich bearbeiten zu können. Sie fand die ganze Situation extrem spannend, sie konnte gar nicht mehr den Blick vom Geschehen abwenden.
Auf einmal setzte sie sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. Hatte sie richtig gesehen? Hatte der junge Mann wirklich gerade dem einem der Touristen die Brieftasche geklaut? Luca guckte ganz genau hin. Tatsächlich, da streckte er gerade wieder eine Hand in die Schultertasche einer der Frauen am Ende der Gruppe. Als er sie wieder heraus zog, hielt er eine kleine Schachtel in der Hand. Er besah sie sich kurz und bog dann plötzlich in eine kleine Seitenstrasse ein. Luca griff kurzentschlossen in ihre Schachtel, schnappte sich ihre alten Kohlestiftstummel und nahm die Verfolgung auf. Sie eilte über den Platz in die kleine Strasse hinein. Sie malte auf ihrem Weg kleine Zeichen an die Wand, um nachher den Weg zurück auf den Platz zu finden. Sie hatte keinen wirklich guten Orientierungssinn. Sie schaffte es sogar, sich in ihrem eigenen Elternhaus zu verlaufen.
Sie verfolgte ihn über einen Kirchhof, durch diverse Nebenstrassen und durch Hinterhöfe. Das Gewirr der Strassen wurde immer grösser. Langsam bekam sie Angst, ihn aus den Augen zu verlieren. Deshalb beschloss sie, sich dichter an ihn ran zu schleichen und ihn zu überraschen. Gesagt getan. Langsam und vorsichtig arbeitete sie sich dichter an ihn heran bis sie direkt hinter ihm stand. Sie klopfte ihm auf die Schulter. "Hallo!" sagte sie. Der junge Mann drehte sich überrascht um und blickte auf Luca herunter. Er war fast anderthalb Kopf grösser als sie. Luca setzte ein kleines Lächeln auf: "Entschuldige, aber ..."

Luca prustete los vor Lachen und drehte sich nach dem Filmteam hinter sich um: "Entschuldigt, ich fürchte ich habe schon wieder meinen Text vergessen." Alle im Team stöhnten laut auf. Das war schon das achte Take, das sie damit versaut hatte.

 


September 2002

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