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Also blieb nur die Mauer übrig

Also blieb nur die Mauer übrig

(Auch der "antifaschistische Schutzwall" konnte die DDR nicht retten)

Die Berliner Mauer - von der SED als "antifaschistischer Schutzwall" verleugnet - hatte keinen anderen Zweck, als das Ausbluten der DDR zu verhindern. Dafür nahm die DDR-Führung auch das Verbluten ihrer Bürger in Kauf. Als die Mauer diesen Zweck nicht mehr erfüllte, war sie überflüssig geworden. Nichts dokumentiert das besser, als die Beiläufigkeit mit der die SED die Mauer am 9. November 1989 für obsolet erklärte: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden" teilt Politbüromitglied Günter Schabowski mit. Aber niemand nimmt noch Anträge entgegen, niemand kontrolliert an der Grenze.
Seit der Gründung der DDR im Oktober 1949 bis zum Mauerbau am 13. August 1961 hatten sich 2.686.942 DDR-Bürger in den westlichen Notaufnahmelagern gemeldet. Nach dem offiziellen Statistischen Jahrbuch der DDR war die Wohnbevölkerung in dieser Zeit von 19 auf 17 Millionen gesunken; als die Mauer fiel, waren es noch 600.000 weniger. Die Ursachen für diesen Exodus waren vielfältig und sehr individuell; Hunderttausende haben die Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, voller Zweifel vor sich hergeschoben. Politische Repressionen oder der Wunsch nach besseren materiellen Verhältnissen spielten nicht die einzige Rolle. Wer sich in den Flüchtlingslagern umhörte, konnte die Gründe für Unzufriedenheit und Resignation erfahren: Hochmut und Willkür der Behörden, Rechtlosigkeit, mangelnde Transparenz staatlicher Mechanismen, Manipulation von Wahlergebnissen, Reformunfähigkeit des Staates, Schlendrian in der Wirtschaft, schließlich die allgemeine Gängelung und das Gefühl, das Leben zu verpassen. "Du kriegst alles gesagt", meinte ein Gesprächspartner, "das Leben ist wie die weißen Striche auf der Strasse., da darfst Du nicht lang, dort musst Du rüber, hier kannst Du parken".
Es waren die, die sich nicht parken lassen wollten, die Initiative, Selbstvertrauen und Kritikfähigkeit hatten, die die DDR verließen. Die Kenntnisreichen gingen weg, die Jungen und die Intelligenten - die Zukunft des Landes. In den fünfziger Jahren merkte die SED noch, was ihr da abhanden kam, deshalb wurde die Mauer gebaut. In den achtziger Jahren ließ die abgewirtschaftete Partei sie gehen in der irrigen Hoffnung, dann werde endlich Ruhe einkehren, Und so war das Schicksal der Mauer besiegelt, und das der DDR gleich mit.
Politische Entwicklungen in der DDR wie der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mit ihrem Höhepunkt im Frühjahr 1969 führten jeweils zum sprunghaften Anstieg der Flüchtlingszahlen. Und das Schlupfloch für die Flüchtlinge war West-Berlin, das für DDR Buerger noch frei zugänglich war. Schon mit der Blockade 1948/49 hatte die Sowjetunion vergeblich versucht, West-Berlin in die Knie zu zwingen und der Sowjetzone einzuverleiben. Die Stadt war zum Austragungsort des globalen Ost-West-Konfliktes geworden. Auch die Außenministerkonferenzen der vier Mächte 1954 in Berlin und 1956 in Genf brachen keine Lösung.
Also versuchte der Sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow im November 1958 die Westmächte mit einem Ultimatum aus Berlin zu vertreiben, nachdem in den Jahren zuvor jeweils über eine Viertelmillion Menschen die DDR verlassen hatten. West-Berlin sollte in eine selbständige politische Einheit, eine sogenannte freie Stadt, umgewandelt werden; die Westmächte sollten ihre Rechte in Berlin, einschließlich der Zugangsrechte, verlieren. Dafür nannte Chruschtschow eine Frist von einem halben Jahr.

Kennedys "essentials"
Nach einem Treffen mit US-Präsident Eisenhower im Camp David im September 1959 rückte Chruschtschow zwar von seinem Ultimatum ab, aber die Krise kulminierte noch einmal im Juni 1961, als sich Chruschtschow und der neue US-Präsident John F. Kennedy in Wien trafen, Nach einem Friedensvertrag der Sowjetunion mit der DDR würden die Zugangsrechte der Westmächte nach Berlin erlöschen, drohte Chruschtschow; jede weitere westliche Präsenz in Berlin wäre dann illegal, Wenn die Vereinigten Staaten deswegen Krieg wollten, wäre das ihr Problem. Doch Kennedy nahm sorgenvoll, aber entschlossen die Herausforderung an und verkündete die "three essentials", drei Vorraussetzungen für Berlin: Anwesenheit der Westalliierten, freier Zugang, Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit - für West-Berlin. Zwischen den Zeilen hieß das, dass die Sowjetunion im Ostsektor der Viermächtestadt freie Hand hatte. So kam es zum Mauerbau, den SED-Chef Walter Ulbricht bereits im März 1961 gefordert hatte. Er stieß auf Widersprich der Ungarn und Rumänen, und auch Chruschtschow wollte erst noch die Festigkeit der Westmächte testen.
Der Test ging für den Russen negativ aus. Dem damaligen deutschen Botschafter im Moskau, Hans Kroll, erläuterte Chruschtschow später: "Man kann sich unschwer ausrechnen, wann die ostdeutsche Wirtschaft zusammengebrochen wäre, wenn wir nicht alsbald etwas gegen die Massenflucht unternommen hätten. Es gab aber nur zwei Arten von Gegenmaßnahmen: die Lufttransportsperre oder die Mauer. Die erstgenannte hätte uns in einen ernsten Konflikt mit den Vereinigten Staaten gebracht, der möglicherweise zum Krieg geführt hätte. Das konnte und wollte ich nicht riskieren. Also blieb nur die Mauer übrig. Ich möchte Ihnen auch nicht verhehlen, dass ich es gewesen bin, der letzten Endes den Befehl dazu gegeben hat. Ulbricht hat mich zwar seit längerer Zeit und in den letzten Monaten immer heftiger gedrängt, aber ich möchte mich nicht hinter seinem Rücken verstecken, er ist viel zu schmal für mich." (Nach: Hans Kroll, Lebenserinnerungen eines Botschafters Köln/Berlin 1967)

Ulbrichts Fehlleistung
Der Beschluss zum Mauerbau wurde bei einer Konferenz der osteuropäischen Parteichefs vom 3. bis 5. August 1961 in Moskau gefasst. Bereits Mitte Juni hatte Ulbricht auf einer Pressekonferenz gesagt: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer aufzurichten... Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Und niemand wurde bei dem Wort "Mauer" hellhörig.
Dass etwas passieren musste, um die DDR vor dem Ausbluten zu bewahren, war vielen klar. Aber was passieren würde, das ahnten nur wenige. Richtige Hinweise gingen in einer Flut widersprüchlicher Informationen und Meinungen unter. Kennedy war über den Mauerbau letztlich erleichtert. Die Rechte der Alliierten in West-Berlin wurden nicht tangiert, keinem West-Berliner wurde ein Haar gekrümmt, und die Probleme der DDR waren fürs erste scheinbar gelöst. Seinem Berater Walt Rostow hatte Kennedy zuvor schon gesagt. Chruschtschow "muss etwas tun, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen - vielleicht eine Mauer. Und wir werden das nicht verhindern können., Ich kann die Allianz zusammenhalten, um West-Berlin zu verteidigen. Aber ich kann nichts machen, um Ost-Berlin offen zu halten". Die westlichen Dienste und der Bundesnachrichtendienst hatten Hinweise, dass um Berlin und an strategischen Punkten in Berlin große Mengen von Eisenbahnschienen, Baumaterial, Zement und Stacheldraht gelagert wurden, Das konnte nur für Sperrmaßnahmen gebraucht werden, aber niemand wusste, wann und vor allem wo sie errichtet werden würden: in Berlin oder um Berlin herum. Axel Springer und der F.D.P.-Vorsitzende Erich Mende glaubten an eine Mauer durch Berlin, der Minister für gesamtdeutsche Fragen Ernst Lemmer dagegen meinte, das sei technisch nicht möglich, man könne die 150 Kilometer Westberliner Grenze nicht dicht machen.

Widersprüchliches
Angeblich gab es auch Hinweise des Spions Oberst Oleg Penkowski. Und auch das Ostbüro der SPD erhielt den Bericht eines Informanten, dass "die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin militärisch abgeriegelt werden" solle, und zwar sehr bald. Zum regierenden Bürgermeister Willy Brand kann dieser Bericht nicht vorgedrungen sein, denn der war wirklich überrascht und schrieb am 16. August einen empörten Brief an Kennedy, was zu erheblicher Verstimmung führte. Und es gab eben auch Geheimdienstberichte, die gegen eine Mauer sprachen. In den ersten Tagen der Grenzschließung wurde Stacheldraht ausgerollt und an Betonpfählen befestigt, und der Hausmeister des nahegelegenen Hotels Esplanade wollte gesehen haben, dass am Draht britische Herstelleretiketten waren. Es folgten Hohlblocksteine und Platten, später fertige Mauersegmente und engmaschige Drahtgitter. Von der Ostseite, um West-Berlin herum, war das Ding ein militärisches Objekt, eine sauber geweißte Todesfalle, im Vorfeld geharkte Sandstreifen, Gräben, Kontaktzäune, Kolonnenwege, 296 Beobachtungstürme der Typen A, B und C, zwei Dutzend Bunker und 256 Hundelaufanlagen, 43 Kilometer quer durch die Stadt, 112 Kilometer außen herum. Von Innen gesehen, paradoxerweise, war die Mauer beinahe ein Happening, Grundstücksbegrenzung für Schrebergärtner, Windschutz für Obdachlose, Prallwand für Ballspieler und eine endlose Malwand für Künstler, Sprayer und Sprüchemacher - mitten in der Stadt und doch am Ende der Welt: "Next Coke 20000 Miles", wie eine Mauerinschrift deutlich machte. Aber auch: "Jaap Leeuwen was hier en was sprakeloos". Gleichwohl, mit ihren Sprüchen und ihrer Bemalung wirkte die Mauer harmloser, als sie war. Györky Ligety, der Komponist, sah das Paradoxon ganz genau: West-Berlin sei wie ein surrealistischer Käfig, denn "die, die drinnen sind, sind frei".
Zunächst war die Mauer nicht nur für DDR-Bürger, sondern auch für Westberliner undurchdringlich. Erst mit acht zeitlich begrenzten Passagierscheinregelungen von Dezember 1963 bis Juni 1966 konnten Westberliner wieder nach Ostberlin - sofern sie dort Verwandte hatten. Danach konnten sich West und Ost nicht mehr einigen, und wiederum hatten nur Westdeutsche und Ausländer die Möglichkeit, die Mauer zu durchqueren. Die Folge war, dass rund 120.000 Westberliner sich über einen zweiten Wohnsitz einen Westdeutschen Pass besorgten. Erst mit dem Berlinabkommen Ende 1971 und den dazugehörigen deutsch - deutschen Vereinbarungen wurde wieder ein geregelter Besucherverkehr möglich. Aber was damals als ein bahnbrechender Fortschritt empfunden wurde, liest sich heute wie eine Satire auf bürokratische Auswüchse. Für DDR Bürger blieb die Mauer weiter verschlossen - außer in dringenden Familienangelegenheiten oder für Rentner, die im Arbeitsprozess nicht mehr gebraucht wurden. Und legale Ausreisen wurden nur sehr restriktiv und nach langer Wartezeit genehmigt; es sei denn, es handelte sich um Personen, die das SED-Regime ohnehin loswerden wollte. Also konnte die Mauer zwar die Fluchtbewegung eindämmen, aber nie ganz abwürgen. Vom Tag des Mauerbaus bis zum Jahresende 1961 flohen über 50.000 DDR-Bürger, in den folgenden vier Jahren noch jeweils über 10.000. Aber die Sperranlagen wurden immer perfekter, und Mitte der achtziger Jahre entkamen der DDR durchschnittlich nur noch dreieinhalbtausend Menschen. Danach stiegen die Flüchtlingszahlen wieder, bis auf über 10.000 im Jahre 1988, weil es leichter wurde, über andere Ostblockländer zu fliehen. Die Zahl der Sperrbrecher - also derjenigen, die tatsächlich unter Lebensgefahr Mauer und Gitterzäune überwanden, lag bei wenigen hundert im Jahr. Immerhin gelang es in den 28 Jahren der Existenz der Mauer 180.000 Menschen, die DDR illegal zu verlassen. Weitere 727.000 DDR-Bürger reisten in dieser Zeit legal aus, davon 344.000 im Jahr 1989. Zunächst waren es vorwiegend Rentner, denen die Behörden die Ausreise gestatteten, aber ab 1984 gab die DDR auch dem Druck der sogenannten Antragsteller in wachsendem Masse nach. Von innerem Druck befreit wurde die DDR dadurch nicht.

Tödliche Fluchtversuche
Solange es die Mauer gab, forderte sie auch Opfer. Als erster starb am 19. August 1961 der 47jährige Rudolf Urban, der bei dem Versuch, sich aus einem Haus an der Bernauer Strasse abzuseilen, abstürzte. Das bekannteste Maueropfer wurde genau ein Jahr später Peter Fechter, der an der Zimmerstrasse nahe dem Checkpoint Charlie niedergeschossen wurde und direkt an der Mauer liegen blieb. Weder aus dem Osten noch aus dem Westen kam Hilfe, so dass der 18jährige langsam und elend verblutete. Insgesamt starben in Berlin an der Mauer mindestens 66 Menschen, vermutlich mehr. Aber mehr Opfer noch gab es an der innerdeutschen Grenze. Wie viele Unbekannte etwa bei Fluchtversuchen über die Ostsee entkamen, ist nicht bekannt. Nach Angaben einer Arbeitsgemeinschaft (...) sind bis zum 13. August insgesamt 899 Menschen bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen; davon starben 753 nach dem Bau der Mauer. Als letztes Maueropfer gilt allgemein der 19jährige Chris Gurffroy, der am 6. Februar 1989 - obwohl bereits gestellt - brutal nieder geschossen wurde. Aber ein Maueropfer ist genau genommen auch der 32jährige Winfried Freundenberger, der einen Monat später bei einem Fluchtversuch mit einem selbstgebasteltem Ballon abstürzte. Und das letzte Opfer holte sich die Mauer noch um August 1990, als der 14jährige Christoph Bramböck, der als "Mauerspecht" am Beton herumpickte, von einer herabfallenden Platte erschlagen wurde, ein ganz und gar unschuldiges Kind.
Als die Ungarn im Sommer 1989 ihre Grenze zu Österreich nicht mehr bewachten und sie schließlich unter Berufung auf Menschenrechte und humanitäre Prinzipien auch offiziell öffneten, war die Mauer obsolet geworden. Allein im September kamen 22.000 DDR-Bürger über Ungarn im den Westen. Noch im Januar hatte SED-Chef Erich Honecker über die Mauer gesagt: "Sie wird in 50 und auch noch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind". Und im Juni meinte der ehemalige Ständige Vertreter Bonns im der DDR, Günter Gaus, über dass gleiche Objekt: "Nun wird sie demnächst dreißig"; der Ruf, die Mauer müsse weg, sei "losgelöst von jedem Realitätsbezug". Es war weder der erste noch der letzte Irrtum dieser beiden deutschen Politiker. Die Mauer wurde gerade noch 28, und dann war sie weg, ganz real.
23.8.96, niedergeschrieben am 26.07.2004 aus einem alten unbekannten Zeitungsartikel
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