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Illuminatus
 

Überlebensvorteil Schönheit?



Christian Gapp   05.04.2003

Über die heroische Befreiung der jungen amerikanischen Soldatin aus einem irakischen Gefängnis

Der 1. April war für das Pentagon ein Tag der guten Nachrichten. Sogar Abenteuerliches konnte berichtet werden: Mit einer nächtlichen Kommandoaktion wurde eine schwer verletzte junge Soldatin aus irakischer Kriegsgefangenschaft befreit, die bis dahin offiziell als vermisst galt. Sie ist hübsch und kommt aus einfachen Verhältnissen, ideale Voraussetzungen für ein Heldenepos, das nicht zuletzt von westlichen Urängsten gespeist wird.

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Die aktuellen Printausgaben von Stern [1] und Die Zeit [2] hatten sich ihrer schon mit großen Farbfotos bemächtigt: Jessica Lynch, 19jährige Soldatin einer Wartungseinheit und als vermisst geltend, seit ihre Einheit in Nasiriya in einen Hinterhalt geraten war. Zwei GIs waren getötet worden, fünf gingen in Gefangenschaft, sieben galten als vermisst.

Von der Befreiungsaktion [3] ist in den Printprodukten noch nichts zu lesen, Druckerpressen arbeiten manchmal einfach zu langsam. Die spektakuläre Aktion kann für beide Zeitungen also kein Kriterium gewesen sein, gerade dieses Einzelschicksal vor zu stellen. Warum wurde gerade sie ausgewählt, stellvertretend für die amerikanischen Gefangenen? Warum wurde gerade sie in einer dramatischen Aktion befreit? Vermutlich wegen ihrer Attraktivität.

Schönheit erregt Aufmerksamkeit, meistens positive, manchmal negative ( Provokante Schönheit [4]). Auf jeden Fall ist sie ein Unterscheidungsmerkmal, das die Soldatin aus der - relativ kleinen - Menge der anderen Gefangenen hervorhebt. Sofort können Phantasien blühen, die seit Jahrhunderten in der westlichen Vorstellung schaurig-wohlig sprießen, und die durch Rumsfelds und Bushs düstere Skizzen der irakischen Soldateska neue Nahrung erhalten. Die Iraker würden ihre Gefangenen nicht gemäß der Genfer Konvention behandeln, so der amerikanische Präsident, während sich die US-Streitkräfte sogar der verletzten Iraker annähmen. Und nun eine schöne, junge Amerikanerin in den Händen des irakischen Militärs!

Eine Urangst des Abendlandes: die vermutete Gier des Orients nach westlichen schönen Frauen. Als die Belagerung Wiens durch die Türken erfolglos war, endete die Bedrohung Europas durch orientalische Armeen. Seitdem gehört die Vorstellung, "unsere" Frauen könnten entführt und in Harems gefangen gehalten werden, zum Kanon der sexuell eher angenehm besetzten Phantasien.

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Der Traum von der schönen Gefangenen (Foto: C. Gapp)

Schon Ende des 18. Jahrhunderts griff Wolfgang Amadeus Mozart in "Die Entführung aus dem Serail" die Thematik als reinen Entertainment-Stoff auf. Konstanze, die Frau eines spanischen Edelmanns und ihre Zofe werden von Seeräubern entführt und in einen türkischen Harem verkauft. Der Pascha verliebt sich in Konstanze, er will sie zu seiner Favoritin machen. Sie verweigert jedoch die Heirat. Er setzt ihr eine Frist. Auftritt des Haremswächters Osmin. Der lässt keinen Zweifel daran, dass die irakischen Schurken seine direkten Nachfahren sein könnten. Die Genfer Konvention wäre auch nicht sein Ding gewesen. Er singt:


O, wie will ich triumphieren,
Wenn sie euch zum Richtplatz führen
Und die Hälse schnüren zu;
Hüpfen will ich, lachen, springen
Und ein Freudenliedchen singen,
Denn nun hab' ich vor euch Ruh.
Schleicht nur säuberlich und leise
Ihr verdammten Haremsmäuse,
Unser Ohr entdeckt euch schon.
Und eh' ihr uns könnt entspringen,
Seht ihr euch in unsern Schlingen,
Und erhaschet euren Lohn.
 

Die Oper geht natürlich ohne Folter und Pein zu Ende. Der Pascha erbarmt sich und alle kommen frei. In der einen oder anderen Form finden sich ähnlich Motive in der trivialen Unterhaltung bis auf den heutigen Tag immer wieder. Aus dem Traum von der schönen Gefangenen wird in der Realität ein alle atavistischen Abwehrreflexe anstoßender Albtraum.

Die USA ließen ihre Helden nicht zurück, war in den Nachrichten zu hören. Irgendwie hatte der CIA herausbekommen, dass Lynch schwer verletzt in einem Krankenhaus in Nasirija lag. Ein nächtlicher Ablenkungsangriff verwirrt die Iraker, Hubschrauber fliegen ein, Soldaten stürmen in das Krankenhaus, finden tatsächlich ihre Kameradin und entschweben mit ihr. Später ist auf BBC zu hören, das US-Militär habe berichtet, Jessica sei wirklich heldenhaft gewesen. Sie habe ihre Kameraden sterben sehen und dennoch weiter gekämpft, selbst mehrmals getroffen. Sie kommt aus bescheidenen Verhältnissen, wollte eigentlich Lehrerin werden und braucht dafür das Geld der Army. Ein natürliches, hübsches Mädchen, "a girl next door", das bedeutet: Jede(r) kann HeldIn werden, und ist dabei Teil einer beschützenden Bruderschaft, die kein Mitglied im Stich lässt. Alle Zutaten sind vorhanden. Man braucht fast nicht einmal mehr ein Drehbuch [5] für das mit Sicherheit folgende filmische Heldenepos zu schreiben.

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Nach der Rettung. Foto: Central Commanc

Keine Frage: Jessica Lynch und ihre Familie sind verständlicherweise erleichtert, dass sie befreit wurde. Aber die Gefreite war nicht in einem Serail angekettet als sie befreit wurde, sie lag in einem Krankenhaus. Zumindest sie ist so von den Irakern versorgt worden, wie irakische Gefangene von US-Sanitätern. Nur sie? Wie gut war der Geheimdienst wirklich über ihren Zustand informiert? Was wäre gewesen, wenn sie nicht transportfähig gewesen wäre? Wurde das Krankenhaus beschädigt, medizinisches Personal oder andere Patienten in Mitleidenschaft gezogen [6]? Ist es nur Zufall, dass gerade ihr Aufenthaltsort durch einen irakischen Informanten bekannt wurde, oder galt sie einfach, die Vermutung schwebt im Raum, als besonders rettungswürdig? Wenn etwas schief gegangen wäre, hätten wir es bestimmt nicht erfahren, zumindest nicht umgehend. Ihre sie exponierende Jugend und Schönheit wäre so vielleicht zu ihrem Fluch geworden. Auch so etwas gibt es.

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Die tödlich bedrohte Schöne. Aus: "Stern Jahrbuch: Das war 1988"

Bei dem berühmt-berüchtigten Gladbecker Geiseldrama kaperten 1988 zwei Gangster nach einem Banküberfall zunächst einen Bus, mit dem sie bis nach Holland irrten. Dort beschafften sie sich einen Wagen und setzten ihre Flucht mit zwei Mädchen als Geiseln fort, von denen eines besonders attraktiv war. Es ging durch Köln und Umgebung. Ständig auf Tuchfühlung mit der Presse. Die Wahl der Geiseln erfolgte nicht zufällig. Einer der Entführer "hatte in dem gekaperten Bus gleich ein Auge auf die 18jährige Staatsanwaltsgehilfin und ihre Freundin geworfen". Nicht verwunderlich, dass schließlich nur sie erschossen wurde, als die Polizei den Wagen auf der Autobahn rammte. Die Aufmerksamkeit aller Beteiligter lastete schließlich vor allem auf ihr.

Links

[1] http://www.stern.de/politik/ausland/index.html?id=506132
[2] http://www.zeit.de/2003//15/Amerika
[3] http://www.defendamerica.mil/articles/apr2003/a040303d.html
[4] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/13737/1.html
[5] http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A24361-2003Apr3.html
[6] http://www.centcom.mil/CENTCOMNews/News_Release.asp?NewsRelease=20030425.txt

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/14539/1.html


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